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Die Sultane sind an allem schuld

Weil Barbara Nadel Psychopathen so liebt, wurde sie zur "Donna Leon von Istanbul" - Porträt

von Iris Alanyali

Wer sich für Psychopathen interessiert, den können die Sultane von Istanbul sehr glücklich machen. Da gibt es Murat IV., der angeblich den Dichter Nefii erdrosseln ließ, weil er gerade in dessen Werken las, als ihn beinahe ein Blitz traf. Oder Ibrahim, der zum Zeitvertreib von einem Turm des Topkapi Palastes auf Passanten schoss. Oder Mahmut II., der eines Tages die Bäuche aller seiner Pagen aufschlitzen ließ, weil ihm aus dem Palastgarten eine seiner geliebten Gurken gestohlen worden war.

Der englischen Psychologin Barbara Nadel hatte es wegen ihres Interesses für Obsessionen und Neurosen Abdül Hamit II. (1876-1909) angetan. Der Sultan war ein Despot, der den damaligen Herrschersitz, den riesigen Dolmabahce Saray am Bosporus, floh und sich in den Pavillons des dahinter liegenden Yildiz-Parkes einrichtete. "Er trug immer ein Gewehr mit sich und stellte ein Piano in den Korridor zu seinem jeweiligen Aufenthaltsraum, um eventuellen Angreifern den Fluchtweg zu verstellen. Eine Paranoia wie aus dem Bilderbuch, großartig!" Nicht zuletzt wegen Abdül Hamit beschloss Barbara Nadel, einmal in Istanbul Urlaub zu machen. Das war vor 25 Jahren. Inzwischen vergeht kaum ein Jahr, in dem die 46-Jährige nicht ein paar Wochen in der Türkei verbringt. Dann werden die perlenbestickte Handtasche um- und die silbernen Ohrringe mit den arabischen Schriftzeichen eingehängt, und eine enthusiastische Londonerin marschiert mit einem großen orientalischen Herzen durch die Metropole.

Wie heute, an einem heißen Sommertag Mitte Juni. Es ist laut, voll und eng am Bahnhof Sirkeci, wo früher der Orient Express hielt. Zwölf Millionen Einwohner hat Istanbul, und mindestens zehn Millionen sind zehn Stunden am Tag von A nach B unterwegs - mit Abstechern nach X, Y und Z. Wir steigen in ein Taxi, und Barbara Nadel freut sich über jedes Hupen im Verkehrschaos, was ihr eine Menge glücklicher Stunden in der Türkei bescheren dürfte. "Natürlich würde es mich wahnsinnig machen, wenn ich hier leben müsste, aber so ist es herrlich." Vielleicht erinnert das Chaos sie auch an ihr uraltes Haus in Essex, wo sie mit Mann und Sohn und Unmengen Plunder lebt. "Istanbul ist so, wie ich mir das London von früher vorstelle", sagt Barbara Nadel. Ein gewagter Vergleich - oder ungewöhnlicher Versuch, das Nebeneinander von altem Europa und neuem Orient in Worte zu fassen, das jeden an Istanbul so fasziniert. "Die Stadt ist riesig, aber trotzdem reden die Menschen miteinander. Man interessiert sich für die Nachbarn, man hilft sich. Und diese Straßen, wo es noch Scherenschleifer gibt oder jeder das gleiche Produkt verkauft und die Händler einen so lange von Geschäft zu Geschäft weiterempfehlen, bis man ganz genau das Ersatzteil gefunden hat, das man sucht!"

Die Stadt war es auch, die Barbara Nadel zu der lang ersehnten Schriftstellerkarriere verhalf: 1999 erschien ihr erstes Buch, "Belsazars Tochter", ein Krimi, in dessen Mittelpunkt eigentlich eine russische Immigrantenfamilie in Istanbul steht. Noch besser aber gefiel Nadels englischem Verlag der nikotinsüchtige und Brandy liebende Kommissar Cetin Ikmen, so dass ein längerfristiger Buchvertrag nur unter der Bedingung weiterer Ikmen-Fälle entstand: Die "Donna Leon von Istanbul" war geboren. Allerdings kommt Ikmen nicht heim zu gepflegtem Rotwein und Pasta kochender Universitätsdozentin, sondern wird von inzwischen neun zu stopfenden Mäulern und deren entsprechend verzweifelter Mutter Fatma empfangen: "Nicht eine einzige Tomate im Kühlschrank! Aber Brandy haben wir für sämtliche Nato-Armeen."

 

Literarische Welt

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