Die Sultane sind an allem schuld (2)

Literarische Welt

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Man könnte auch von der "Martha Grimes vom Bosporus" sprechen, denn wie Inspektor Jury steht auch dem melancholischen Ikmen ein gut aussehender Adliger zur Seite: Inspektor Suleyman stammt aus einer alten osmanischen Familie, die den Beruf ihres Jüngsten mit Entsetzen verfolgt. Und wie bei Grimes oder auch Elisabeth George spielt das Privatleben der Figuren eine mindestens so wichtige Rolle wie der Kriminalfall - hier bringt Barbara Nadel all die Liebesgeschichten und Probleme unter, die sie oder ihre Freunde oder ihre Verwandten erlebt haben. Suleymans Frauengeschichten etwa oder Fatmas Menopausen-Krise: "Glauben Sie etwa, so etwas kennt eine gläubige Türkin nicht?"

Das Taxi hat uns zum Café des Malta-Schlösschens im Yildiz-Park gebracht, wo es eines der besten Frühstücksbüfetts der Stadt gibt: Zwischen hohen Rokokowänden, Leuchtern und Lüstern und blattgoldverzierten Marmorbrunnen sind Schafskäse, Oliven und Wassermelonen ebenso dekorativ angerichtet wie Brioches und Croissants. Allerdings wurden wir von dem schönsten Teil der Aussichtsterrasse mit Blick über den Bosporus in den Imbissbereich vertrieben, weil wir nur etwas trinken wollen und sich Istanbuls Kellner dort, wo es mitteleuropäischen Frühstücksbrunch gibt, auch benehmen wie mitteleuropäische Kellner. Sultan müsste man sein. Den nahen Cadir-Pavillon funktionierte er zur Folterkammer um, und sein Bruder verbrachte im Malta-Pavillon die erste Zeit von 27 Jahren Gefangenschaft. "Er war Alkoholiker, und Abdül Hamit hat ihn mit seinen Lieblingsgetränken Brandy und Champagner ruhig gestellt!" Barbara Nadel strahlt.

Dabei hat ihr Interesse für defekte Psychen eigentlich einen traurigen autobiografischen Hintergrund. Ihre Familie, Arbeiter aus dem Londoner East End, hat seit Generationen mit Depressionen und Paranoia zu kämpfen. Als die Karriere der gelernten Schauspielerin nicht so recht vorankam - "ich war nicht besonders gut und nicht besonders hübsch" -, beschloss Barbara Nadel, mehr über die seltsamen Krankheiten herauszufinden, mit denen sie seit ihrer Kindheit konfrontiert wurde, und erwarb ein Diplom in Psychologie. Jahrelang betreute sie später psychisch gestörte Schwerverbrecher, jetzt will sie sich ganz aufs Schreiben konzentrieren. Fünf Ikmen-Bände sind in England erschienen, der Vertrag für drei weitere wurde soeben unterschrieben und spornt hoffentlich auch Nadels deutschen Verlag an, für eine bessere Übersetzung und ein sorgfältiges Lektorat zu sorgen - dieses Geholper, das mitunter stark an Istanbuls Bürgersteige und Deutschlands Pisa-Ergebnisse erinnert, hat eine Autorin nicht verdient, die beste Voraussetzungen bietet, die moralinsauren "Brunettis" von der Gondel zu schubsen.

Auch wenn Ikmens Wege oft ins Sultanahmet-Viertel mit Topkapi-Palast und Hagia Sofia führen - Barbara Nadels Herz hängt an einer Gegend Istanbuls, in die sich die Touristen kaum verirren: Balat, das ehemalige jüdische Viertel am Goldenen Horn. Heute dominieren hier orthodoxe Griechen und konservative Moslems, wobei letztere langsam von Istanbuls Intellektuellen verdrängt werden, die entdeckt haben, dass man hier für vergleichsweise wenig Geld sehr romantisch leben kann. Schiefe Holzhäuser stützen sich gegenseitig entlang der steilen Gassen, efeubewachsene Erker und gusseiserne Balkons ragen über das Kopfsteinpflaster. Hier werden Fremde noch mit verwirrter Neugier beglotzt und nicht als potenzielle Teppichkäufer taxiert. Die Synagogen sind ebenso wie die Kirchen für die Betenden und nicht für Touristen da, und auch zu den tanzenden Derwischen wird nur geführt, wer das Wohlwollen von Nurdogan Bey erringen konnte, der 300 CDs mit Sufi-Musik besitzt. Und gleichzeitig klingen die Rufe zum Abendgebet nirgendwo in Istanbul so laut und vielstimmig von den Minaretten wie hier. Mit Barbara Nadel durch Balat zu schlendern bedeutet, auf die Unterhose über den Köpfen ebenso aufmerksam gemacht zu werden wie auf das imposante Gebäude des griechischen Patriarchats, zu dem die Wäscheleine führt. Jeder Fensterladen löst Entzücken aus, jede Holzschnitzerei bekommt ein "Isn't it lovely?!" Zu Recht. Arme dumme Touristen, die sich vor der Blauen Moschee im alten Istanbul wähnen

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